Auszug Touristik aktuell: Kapitän ohne Gäste: „Langeweile kommt nicht auf“

Aktualisiert: Apr 17

Kapitän ohne Gäste: „Langeweile kommt nicht auf“ Mittwoch, 15.04.2020

Thilo Natke arbeitet seit 1993 für Hapag-Lloyd Cruises, seit 1997 als Kapitän. Foto: Hapag-Lloyd Cruises/Hübner Als Kapitän sei man auf Notsituationen vorbereitet, aber eine wie diese könne man nicht üben, sagt Thilo Natke von Hapag-Lloyd Cruises über die Corona-Pandemie. Im Interview mit touristik aktuell berichtet er von Bord der Hanseatic Nature, die auf dem Heimweg nach Hamburg ist – ohne Passagiere, dafür mit Crew-Mitgliedern, die das Luxus-Expeditionsschiff nun auch mal aus der Perspektive eines Gastes kennenlernen dürfen. Herr Kapitän, wie haben Sie reagiert, als Sie von der Reederei erfahren haben, dass Sie Ihre Kreuzfahrt außerplanmäßig beenden und den Schiffsbetrieb einstellen müssen? Eine laufende Reise abbrechen zu müssen, ist immer eine besondere Situation, kommt aber aus verschiedenen Gründen leider gelegentlich vor. In diesem Fall ahnte ich jedoch noch nicht, welche Dynamik die weltweite Entwicklung in der Corona-Krise entwickeln würde und welche Konsequenzen für die Kreuzschifffahrt daraus entstehen würden, bis hin zur vollständigen globalen Einstellung aller Kreuzfahrten. Wie waren die Reaktionen der Passagiere? Wir mussten unsere Passagiere in einer nächtlichen Aktion in Valparaiso in Chile „last minute“ ausschiffen, wenige Stunden bevor der Hafen ganz geschlossen wurde. Alle hatten Verständnis für diese Maßnahme, viele haben sich beim Abschied um 4.30 Uhr morgens noch bedankt, dass wir in Zusammenarbeit mit Hapag-Lloyd Cruises in Hamburg und unserer örtlichen Agentur die Heimreise so kurzfristig organisieren konnten. Einige haben die zwangsläufig zurückbleibende Crew sogar bedauert und uns Glück gewünscht. Ist man als Kapitän auf ein Szenario wie eine Pandemie mit derart massiven Reiseeinschränkungen vorbereitet? Man ist als Kapitän auf viele außergewöhnliche Ereignisse und Notsituationen vorbereitet, vieles hat man bereits selbst einmal erlebt. Aber eine weltweite Krise dieser Art ist ohne Beispiel und kann auch nicht „geübt“ werden. Wie lief das Krisen-Management ab? Durch moderne Kommunikationsmittel ist es heutzutage zum Glück kein Problem mehr, über die ganze Welt und rund um die Uhr miteinander in Verbindung zu bleiben. Es fand daher auch ein ständiger Austausch zwischen dem Schiff, den örtlichen Agenturen, den lokalen Behörden und der Reederei in Hamburg statt. Feierabend spielte keine Rolle, wenn nötig, wurde auch nachts gearbeitet. Viele Häfen haben Schiffe, sogar kurzfristig und teils entgegen Zusagen, abgewiesen. Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht? Mitte März gab es eine außerordentlich dynamische Situation, die ständige Anpassungen des Fahrplans erforderlich machte. Wir wollten auf der Reise, die planmäßig am 18. März in Callao in Peru beginnen sollte, Häfen in Peru, Kolumbien, Panama, den Niederländischen Antillen, in Trinidad & Tobago, Französisch Guyana und Brasilien besuchen. Jedes Land hatte unterschiedliche Einreisebeschränkungen, die nahezu täglich verschärft wurden, so dass die Planung einer touristisch attraktiven Reiseroute nicht mehr möglich war. Die Reise wurde abgesagt, in einem nächsten Schritt dann auch weitere Reisen. Wo ist Ihr Schiff jetzt? Wir haben am 4. April Barbados verlassen, nachdem wir dort einige Tage gewartet haben, um einen Teil der Crew von unseren Schwesterschiffen Europa und Hanseatic Inspiration aufzunehmen. Zur Zeit sind wir auf dem Atlantik unterwegs nach Hamburg, wo wir am 20. April eintreffen werden. Wie nutzen Sie persönlich nun die Zeit an Bord? Auf einer langen Seereise ohne Passagiere an Bord bin ich zeitlich nicht gebunden durch Hafenaktivitäten oder Veranstaltungen, ich kann daher meinen Arbeitstag frei gestalten. Trotzdem bin ich jeden Morgen pünktlich um acht Uhr auf der Brücke, um mit meinen Offizieren den Tagesablauf zu besprechen. Daneben habe ich jetzt auch Zeit, Projekte zu bearbeiten, die man sonst aus Zeitgründen vor sich herschiebt. Außerdem treffen täglich immer noch zahlreiche E-Mails bei mir ein, denn die Corona-Krise wird auch an Bord bewältigt. Und ein bisschen mehr Freizeit als üblich ist auch noch drin. Und die Crew? Irgendwann sind sicherlich alle Instandhaltungs- und Reinigungsarbeiten erledigt. Auf unserer langen Reise von Valparaiso durch den Panamakanal nach Deutschland haben wir auf Barbados noch 110 Crew-Mitglieder anderer Hapag-Lloyd-Schiffe aufgenommen. Einschließlich unserer Crew sind wir jetzt 247 Leute an Bord. Die anfallende Arbeit wird gleichmäßig auf alle verteilt, aber ohne Passagiere an Bord kommt es im Hotelbereich, anders als in den Ressorts Deck und Maschine, natürlich zwangsläufig zur „Unterbeschäftigung“. Langeweile kommt dennoch nicht auf, das Pooldeck ist gut besucht, abends werden Kino, Bingo, Karaoke und Kickerturniere angeboten und wir versuchen bei der Challenge „Walk the Cruise“ die Gesamtstrecke der Reise von 7.770 Seemeilen zu Fuß auf unserem Rundkurs auf Deck 9 zu absolvieren. Für unsere philippinischen Kollegen wird außerdem ein täglicher Deutschkurs abgehalten. Können Besatzungsmitglieder das Bordleben mal aus der Passagierperspektive kennenlernen und dadurch vielleicht etwas für die zukünftige Arbeit am Gast mitnehmen? Ja, das hoffe ich. Das Bordleben einmal aus der Perspektive eines Passagiers kennenzulernen, ist sicher eine hilfreiche Erfahrung. Während der Überfahrt nach Deutschland darf ein Teil unserer Crew in Passagierskabinen „probewohnen“ und in unserem Spezialitätenrestaurant „Hamptons“ wird abends gegen einen geringen Kostenbeitrag ein mehrgängiges Gourmet-Menü serviert. Vielleicht erwächst aus diesen Erfahrungen eine neue Art von Verständnis. Was nehmen Sie persönlich aus dieser Ausnahmesituation mit? Ich nehme die Erkenntnis mit, dass unser Weltgefüge durch ein Virus doch relativ leicht aus dem gewohnten Gleichgewicht zu bringen ist – das sollte uns nachdenklich machen.


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